hans wesker
texte
Jan Christ
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Terra ist der Maßstab,

die Erde. Das Bildlose. Die Quintessenz wäre die Wüste. Sie ist noch nicht erreicht. Aber der Aufbruch. Nehmen Sie einen Erdstich, einen Abtrag, eine Grube. Nehmen Sie Lehm wahr, Löß, oxydierende Schichten, verfolgen Sie sie bis auf den Grund, wo Schwarz lagert. Oder stechen Sie Torf. Studieren Sie ein Hochmoor. Wieder Schwarz, ein anderes Grün als das einer sonnigen Wiese, keinen Glanz, kein Himmelsblau. Nehmen Sie alle nur denkbaren Ocker. Sie haben das Unbewachsene. Sie sind zum Gründler geworden, von der Grube zum Grübler. Sie b e h a n d e l n das Vorgefundene, sie müssen es nicht – darstellen. Als Maler hat für Sie der Mal g r u n d den Vorrang vor der Zeichnung. So erklären Sie: das Tafelbild ist weniger ein Bild als eine Tafel. Die Tafel aber ist die M a t r i x, der die Signaturen e i n z u p r ä g e n sind. Es ist Prägearbeit. Wenn es Zeichnungen gibt, können sie vorgegeben sein. Es wird auf sie aufgeprägt, aufgetrieben. Sie werden durchtränkt. Ganz bildlos. Auf das Überschreiten ist wert zu legen. So gibt es kein Format, das von sich aus Aufmerksamkeit beansprucht. Es wird transzendiert zur Reihe, zur Serie, schließlich zum – Buch, als dem Sammelwerk.


Hans Wesker ist ein Raumhandwerker. ER entnimmt einem Raumganzen das Material und gestaltet es zum Raum zurück. Seine Arbeit i s t die Wand und nicht nur ein Wandpartikel. So wenig wie sie Bild sein will, so wenig korrespondiert sie mit dem Rahmen. Das dargestellte Sujet liebt seine Umgrenzung, sein Format. Die bildlose Arbeit Weskers neigt zum Kasten, sowohl zum offenen wie zum geschlossenen. Es ist der Wuschraum des Gewächses. Es ist der Beginn des Verschlossenen. Auch die Röhre ist es . Aus der Röhre wie aus dem Kasten erklingt Musik. Es ist, als würde die Vorzugsfarbe des Hans Wesker: die inwendige der Erde, das Ocker, das Schwarz, zu Erklingen kommen. Wenn der Kasten Röhren hat, wäre das ein Verdoppeln der Inwendigkeit.

Hans Wesker ist kein Glanzvoller. Polierte glänzende Oberflächen kennt er nicht, Materialien, die reflektieren oder die eine eigene Leuchtkraft besitzen, meidet er. Terra ist eben der Maßstab, die Erde, und zwar nicht nur als farbiges Spektrum, sonder als die große Umwandlerin, die Prozesse ermöglicht, die unsichtbar bleiben. Die Kunst Hans Weskers scheint es zu sein, diese Inwendigkeit aufzuschließen, Spuren von Langzeitprozessen auszufalten, ihr Exterieur zu zeigen, somit Bilder des Unsichtbaren zu liefern. Wie alle derartigen Geburtsvorgänge braucht es dazu eine ganz eigene, nicht vom Künstler ermessbare Zeit. Das Temporäre wird damit zum wesentlichen Bestadteil dieser Arbeit. Vielleicht ist sie nichts anderes als ein Ausdruck der Dauer, als ein Diagramm der Zeit.

Jan Christ, aus: Bild Raum Objekt Raum Klang Raum, Katalogtext, Braunschweig 2000