hans wesker
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Hans Wesker hat ... nicht nur das Kunsthaus „bespielt“ – wie Kunsthistoriker so lapidar sagen –, sondern er hat in und durch diese Räumlichkeiten ein sinnliches Erlebnis geschaffen. Weskers Gesamtkunstwerk erstreckt sich über beide Stockwerke oder vielmehr: Es unterteilt sich in die Sphären „unten“ und „oben“. Hier im Erdgeschoss empfängt uns ein leuchtendes Blau, so intensiv, dass man meinen könnte, Wesker hätte den Sauerstoff in der Luft miteingefärbt. Durch die Lampen und die mit farbigen Folien verklebten Fenster entsteht für uns ein gänzlich neuer Farbwahrnehmungsfilter. Die ungewohnte Intensität dieser Farben verändert unser Sehen, sodass wir selbst das Gewohnte und Alltägliche plötzlich neu und anders wahrnehmen. Doch nicht nur unsere Augen werden hier gefordert: Gleichzeitig umfangen uns unbekannte Laute: mal leise, mal laut, mal dröhnend, mal plätschernd. Aus den einzelnen Lautsprechern dringen simultan 4 verschiedene Soundfiles, die sich insbesondere im Zentrum des Raumes zu einem komplexen Gewebe aus Tonfragmenten verdichten.

Wesker selbst formuliert (ZITAT):
„In einem Prozess des Schichtens und Verdichtens von Klang entstehen nach und nach Klangflächen und Klangverläufe, deren harmonierende und divergierende Schichten eine sich im jeweiligen Raum bewegende Klangsituation erzeugen, die vom Hörer dann auf immer neue oder andere Weise wahrgenommen werden kann.“.

Das Prinzip des Schichtens und Verdichtens ist auch in Weskers Malereien wiederzuentdecken. Die Farben sind oftmals lasierend, wie Tonspuren übereinandergelegt, aufeinandergeschichtet. Ähnlich wie bei den Tonkompositionen vermögen auch seine grundsätzlich eher gegenstandslosen Bilder uns neue Assoziationsfelder zu eröffnen. Manches Mal fordert uns Wesker konkret dazu auf, unseren Assoziationen zu folgen, so beispielsweise, wenn er seiner Bilder den Titel „Mondlicht“ verleiht: Bald erkennen unsere Sehgewohnheiten eine düstere Mondlandschaft mit weitem Blick in den Horizont. Man hört beinahe den Ruf einer Eule, die sich in einem unsichtbaren Baumwipfel versteckt. Gerade so, als könne man Weskers Bilder hören und gleichzeitig gerade so, als könne man seine Klangkompositionen wiederum sehen.
Wesker webt für uns Teppiche. Teppiche aus Bild und Ton. – Welche Muster und Strukturen wir in diesen Geweben erkennen, hängt jedoch von unsrer subjektiven Wahrnehmung ab.

Aus diesem Zusammenspiel aus Licht und Ton ergibt sich eine ungeahnte Synergie, in deren Konsequenz wir als Betrachter eine Idee des Phänomens der Synästhesie (die Kopplung eigentlich getrennter Sinnesbereiche) erfahren können. Durch die hier präsentierte Komposition aus realen und synthetischen Klängen wird sich zudem vor dem inneren Auge bzw. dem inneren Ohr des ein oder anderen Betrachters ein individuelles Assoziationsfeld öffnen. Es können – müssen aber nicht – kleine Geschichten in unseren Köpfen entstehen, etwa die Geschichte vom einsamen Laubblatt im Bachlauf oder der am Flughafen verlorene Koffer. Beinahe so, als hörte ein jeder sein ganz persönliches Hörspiel.

Für Wesker liegt ein besonderer Reiz darin, seine Soundinstallation im Austausch mit den natürlichen Umgebungsgeräuschen eines Raumes zu erleben. Dieses Verfahren, seine Arbeiten im Dialog mit den gegebenen Räumlichkeiten entstehen zu lassen, ist für Weskers Arbeitsweise sehr charakteristisch. Selbst wir – als tratschende Besucher – werden zu einem Teil der Installation, der die Gesamtwirkung des Werkes mit beeinflusst..

Aus diesem wohligen Vollbad aus Klang- und Farbräumen bzw. „Klangfarbräumen“ können wir aufsteigen in eine weitere Sphäre. Im ersten Stock empfängt uns auf einer ganz sachlichen Ebene: „eine begehbare Mehrkanal-Audio-Installation mit 36 stehenden Lautsprechern“. Diese nüchterne Definition kann unser sinnliches Erleben in dieser von Wesker geschaffenen Sphäre allerdings nicht einmal annähernd beschreiben. Wir werden gebadet in einem gleißend gelben Licht. Gerade durch den eingesetzten Komplementärkontrast zwischen den Primärfarben Gelb und Blau erscheinen uns die Farben nach dem Wechseln der Ebenen umso intensiver. Selbst ein weißes Licht sieht für einen Augenblick lang nicht mehr weiß aus. Verteilt über die 36 Lautsprecher können wir gleichzeitig vier verschiedene Tonkanäle erleben. Sie wirken fremd und gleichzeitig vertraut. Rätselhaft, ja geradezu mystisch, trotzdem ästhetisch und zugleich irgendwie meditativ. Der Betrachter muss die Installation durchschreiten. Er muss mit ihr interagieren, um an ihr und an sich selbst neue Aspekte zu entdecken. Beim Durchschreiten verändern und überlagen sich die Sounds. Der Betrachter wird zu seinem eigenen Performer, der sein Kunst- und Selbsterleben steuern kann und soll. Die Lautsprecher selbst wirken dabei wie fremde Wesen aus einer Zwischenwelt, als wollten Sie zu uns sprechen. Ich persönlich würde mich nicht wundern, diesen Gestalten auf einem der fantastischen Planeten aus Stanislaw Lems Erzählungen wiederzubegegnen. Sie wirken, als seien es Sirenen, die uns aus unseren alltäglichen Seh- und Hörgewohnheiten locken wollten. Die uns nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren öffnen. Wesker fordert unsere Sinne heraus. Er hebelt uns aus unseren alltäglichen Sinneswahrnehmungen. Über unsere Sinne schafft er es unsere Seele zu erreichen. Wesker rüttelt mit seinen Arbeiten an unseren sinnlichen Grundfesten und macht uns deutlich, wie fragil doch unser Konstrukt von Wahrnehmung und Realität eigentlich ist. Denn durch die explizite Anregung bzw. Verwirrung unserer abgestumpften Sinne stellt sich nicht nur unserem Bewusstsein, sondern auch unserem grundsätzlich eher mäßig genutztem Denkapparat allmählich die Frage: Ist die Welt um mich herum eigentlich tatsächlich so, wie ich beschlossen habe sie wahrzunehmen?.

Dr. Pamela Pachl, Eröffnungsrede im Kunstverein Viernheim, September 2017
Pamela Pachl